Leseprobe aus dem Western "Ned und die Lady"
Etwa zwei Wochen, nachdem Charles McPherson vergeblich um sein Leben gebettelt hatte, jagte eine Postkutsche der Butterfield Gesellschaft über den holprigen Fahrweg nach Abilene/Texas. Sie beförderte nur drei Fahrgäste, zwei Männer und eine Frau. Einer der Drei war Ned Hayes, ein großer schlanker Cowboy mit kantigen Gesichtszügen, braunen Augen und einem stacheligen Dreitagebart.
Die Beine lang ausgestreckt, die breite Krempe des Stetsons tief in die Stirn gezogen, warf er verstohlene Blicke auf seine beiden Mitreisenden. Besonders die Frau reizte seine Neugierde, was allerdings bei Ned Hayes nichts Besonderes war. Alle Frauen reizten seine Neugierde, sofern sie jung und hübsch waren. Doch diesmal lag die Sache anders. Wenn sie überhaupt welche hatte, verbarg sie ihre Reize sehr wirkungsvoll!
Obgleich es mörderisch heiß war, und sich im Kutscheninnern die Hitze noch staute, trug sie ein bodenlanges, dunkelgrünes und sehr weites Reisecape, das sie eng um ihren Körper geschlungen hielt. Oben ragte ein Kragen aus zarter weißer Spitze heraus und unten nicht viel mehr als eine Handbreit hellbrauner Kleiderkattun. Darunter waren brav nebeneinander stehend die Spitzen zierlicher Schnürstiefeletten zu erkennen.
Ned runzelte die Stirn. Wenn er wenigstens ihr Gesicht sehen könnte. Auch das verbarg sie hinter einem blickdichten Tüllschleier, der von der schmalen Krempe eines sehr eleganten kirschroten Hutes hing, den seitlich hinten schwarze gekräuselte Straußenfedern zierten.
Das einzige, was Ned mit Bestimmtheit sagen konnte, war, das sie rote Haare hatte. Eine wahre Lockenpracht ringelte sich unter dem Hut hervor und fiel ihr bis auf die Schultern. Alles andere sah nur seine Phantasie!
Die geheimnisvolle Frau hielt sich sehr gerade und saß fast regungslos auf der harten Holzbank der schwankenden Kutsche. Ihr Begleiter hatte ebenfalls rote Haare, wenn auch weitaus hellere, mehr ein unauffälliges Rotblond. Ein großer blonder Schnurrbart mit hochgezwirbelten Enden klebte dicht unter seiner Nase, und in seinem Mundwinkel balancierte er eine kalte, aber gestopfte Meerschaumpfeife, wie sie sich nur die Betuchten leisten konnten. Seine wasserblauen Augen und ihr starrer Blick verursachten in Ned das unangenehme Gefühl, sie sähen einfach durch ihn hindurch.
Der seltsame Fremde trug einen braunen maßgeschneiderten Tweedanzug, und die unruhigen Hände auf seinem Schoß kneteten eine braune Schirmmütze, die ebenfalls aus Tweed war. Seine Haltung war womöglich noch untadeliger als die seiner Begleiterin, kerzengerade aufgerichtet und so steif, als habe er einen Ladestock verschluckt. Die Haltung eines Gentleman der alten englischen Schule.
Ned Hayes wandte die Blicke von den seltsamen Reisegefährten ab und starrte wieder aus dem Fenster der Kutsche. Er seufzte kaum hörbar und betrachtete missmutig die karge Landschaft, die vor seinen Augen vorbeiflitzte. Er war wieder in Texas, in dieser heißen, staubigen und trostlosen Einöde, in der es nur graugrüne Chaparralsträucher, verdorrtes Immergrün und jede Menge stacheliger Kakteen gab. Und irgendwo da draußen krabbelten haarige Taranteln über den trockenen rissigen Boden, schlängelten sich angriffslustige Klapperschlangen und muhten Tausende von störrischen Rindviechern.
Wenn er Pech hatte lauerten ihm irgendwo in diesem Sommer noch ein paar Banditen oder Komantschen auf, mit Sicherheit aber dieser verdammte Wind, der einem den Staub in die Augen trieb.
Das war Texas! Sein Texas. Das großartigste Land, das Ned kannte!
demnächst als eBook